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Barbara Klauß

"Zur Kräuterapotheke"

Unterrichtsanregungen für die Primarstufe


Vorbemerkungen:

Das Thema Heilkräuter scheint auf den ersten Blick in den Bereich der Sekundarstufen I und II zu gehören. Dort bieten sich vielfältige Möglichkeiten, das Thema fächerübergreifend zu erarbeiten z.B. im Biologie-, Chemie-, Geographie und Geschichtsunterricht und dabei bereits vorhandene Kenntnisse, wie systematische und ökologische Fakten bzw. Fertigkeiten, wie das Herstellen mikroskopischer Präparate oder physikalisch-chemischer Arbeitsmethoden zu nutzen (vgl. KREMER, B.P. 1983, LAMMERT, K. 1983, WEBER, E. 1983, STRALLER, B. 1986).

In der Primarstufe kann, entwicklungspsychologisch bedingt, eine analytische Betrachtungsweise dieses Themas nur in Ansätzen ab der 3. und 4. Jahrgangsstufe beginnen. Bei genauerer Betrachtung zeigt es sich jedoch, dass eine unterrichtliche Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus einen Beitrag zur Verwirklichung grundlegender Ziele und Aufgaben des Sachunterrichts leisten kann. Laut Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen (1985) hat der Sachunterricht die Aufgabe: "... den Kindern Hilfe bei der Erschließung ihrer Lebenswirklichkeit zu geben." (S. 21) (vgl. auch KUROWSKI, E. 1986).

Die Auswahl der Inhalte sollte sich danach ausrichten, dass einerseits die bisherigen Erfahrungen der Kinder berücksichtigt werden und andererseits Möglichkeiten bestehen, neue Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Thema machen zu können. So kennen die Kinder bereits die Verabreichung von Kräutertees als Hausmittel bei leichten Beschwerden. Im Unterricht können sie die Heilpflanze und ihre Verwandten in der freien Natur kennenlernen und ihre Verarbeitung zum Hausmittel selbst durchführen.

Außerdem sollten die Unterrichtsinhalte Einfluss auf Einstellungen bzw. Verhaltensweisen im biologischen wie auch sozialen Bereich haben. Hierzu gehört, dass Schüler erkennen: Bei Alltagsbeschwerden verwendet man Naturheilmittel, bei ernsthaften Erkrankungen werden Medikamente durch den Arzt verordnet.

Exfahrungen machen zu können und sich dadurch seine Umwelt zu erschließen, bedeutet für den Grundschüler den handelnden Umgang mit dieser Umwelt. In diesem Sinne formuliert SOOSTMEYER: "Der Sachunterricht soll so beschaffen sein, dass er den Kindern nicht ständig etwas vorgibt, was sie selbst durch eigenes Handeln erarbeiten können. Im handelnden Lernen werden an konkreten Erfahrungen Einsichten in Zusammenhänge und Begriffe gewonnen" (1985, S. 440).

Handlungsorientierter Unterricht ist nun nicht allein auf den Sachunterricht beschränkt, aber gerade hier können in dieser Form fachspezifische Arbeitsweisen eingeführt werden. KILLERMANN (1978) äußert sich dazu wie folgt: "Das Üben facheigener Arbeitsweisen ist aber vor allem deshalb eine so wesentliche Aufgabe, weil Kinder dieser Altersstufe sich durch handelnden Umgang die Dinge der erfahrbaren Welt erschließen, weil sie selbst tätig sein wollen. Nur der eigene aktive Umgang macht sie mit den Naturgegenständen wirklich vertraut, eigenes Arbeiten und Entdecken fördert die Freude und das Interesse an den Lebewesen. Dieses Fördern der Fragehaltung und der Selbsttätigkeit des Schülers ist eine wichtige Aufgabe des grundlegenden Sachunterrichts ('entdeckendes Lernen')" (S. 149).

Diesen Ansprüchen in gewisser Weise zu genügen, bietet die Möglichkeit des projektorientierten Unterrichts. Ausgehend von einem Unterrichtsanlass wird die Planung und Durchführung des Unterrichts mit den Schülern gemeinsam vorgenommen. Differenzierungsmöglichkeiten und verschiedene Sozialformen ergeben sich automatisch durch die Unterrichtsgestaltung, bei der unterschiedliche Aufgaben in Partner und Gruppenarbeit ausgeführt und zu einem gemeinsamen Ergebnis zusammengetragen werden. Bei dieser Art der Unterrichtsform ist Voraussetzung, dass die Schüler selbständiges Arbeiten in Gruppen gewöhnt sind. Der hohe Zeitaufwand, den ein derartiger Unterricht mit sich bringt, ist selbstverständlich nicht nur durch Sachunterrichtsstunden abzudecken, sondern umfasst auch den Bereich der Sprache. Mündliches und schriftliches Sprachgestalten, Auswertung von gesammelter Information werden ebenso gefördert wie die Umsetzung von schriftlichen Arbeitsanweisungen in praktische Tätigkeit. Im übrigen meinen wir mit LÜFTNER (1983), dass, wenn auch nicht alle Merkmale eines "echten" Projektunterrichts erfüllt werden können, es genügt, wenn projektorientierte Ansätze vermehrt im Unterricht berücksichtigt werden.

Die von KILLERMANN (1978) aufgestellten und von LANGHEINRICH (1979) strukturierten Richtziele des Biologieunterrichts können bereits in der Primarstufe behutsam angestrebt werden. So werden neben der Vermittlung lebensbedeutsamer Informationen, wie der Kenntnis einheimischer Heilpflanzen und der kritischen Einschätzung ihrer Bedeutung für die Gesundheit des Menschen, intellektuelle und manuelle Funktionen geschult, wie u.a. biologische Denk- und Arbeitsmethoden. Hierzu gehören das Beobachten, Untersuchen (vgl. KIRCHNER, W. und R. POMMERENING 1978) und Bestimmen unter Zuhilfenahme von Literatur und Lupe, das Sammeln, Präparieren und Ausstellen der Heilpflanzen.

Gerade das Sammeln ist eine grundlegende Arbeitsweise im Sachunterricht der Primarstufe. LÜTKE (1978) schreibt hierzu: "Planvolles Sammeln und Ordnen nach auffälligen Merkmalen erzieht die Kinder zu kritischem Beobachten und führt zu biologischem Sehen und Arbeiten. Beim Ordnen und Gruppieren kann ein Verständnis für Ordnungsprinzipien und systematische Zusammenhänge angebahnt werden, dabei werden Begriffe und Kategorien gebildet" (III).

An anderer Stelle führen ESCHENHAGEN, KATIMANN und RODI (1985) aus: "Neben den beim Sammeln bereits geübten Arbeitsweisen lernen die Schüler, Ausstellungen zu planen und zu gestalten. Dabei spielen ästhetische Momente eine wichtige Rolle. Die Schüler sind gezwungen, die gewonnenen Erkenntnisse so klar zu formulieren, dass jeder Betrachter ihre Darstellung versteht" (S. 285). Allgemein erzieherische Funktionen wie Achtung vor dem Lebendigen - hierunter fallen z.B. die Beachtung des Naturschutzes und dabei verantwortungsvolles Sammeln der Pflanzen - müssen besonders beachtet werden.

Bemerkungen zum Unterricht:

Zur Thematik "Einheimische Heilkräuter" ist folgende Unterrichtsgestaltung in einer 4. Jahrgangsstufe denkbar. Sie sollte im einzelnen äußerliche Bedingungen wie Jahreszeit und Standortplan (Gibt es z.B. Brachland in der Nähe oder einen Schulgarten etc.) berücksichtigen. Darüber hinaus sollte man sich bei einem projektorientierten Unterricht möglichst nach den mit den Schülern gemeinsam formulierten Zielen richten.


Unterrichtsanlass:

Wir planen einen Kräuterstand für unser Sommerfest. Er soll "Zur Kräuterapotheke" heißen.


Planung und Durchführung:

1. Schritt Informationen über Heilkräuter und ihre Anwendungen sammeln
a) Feststellung der allgemeinen Kenntnisse der Schüler
b) Befragung der Eltern, Großeltern, Nachbarn, Apotheker und Kinderarzt
   - schriftliche Notizen und Aufnahmen mit Kassettenrekorder -
c) Benutzung entsprechend bereitgestellter Literatur:Heilkräuterbücher, Lexika etc.

2. Schritt Auswertung der Sammelphase unter dem Gesichtspunkt:
Mit welchen Heilpflanzen wollen wir uns näher beschäftigen?
Aufstellen von Kriterien für die Auswahl der Pflanzen:
a) Kennen der Heilpflanze
b) häufiges Vorkommen (Jahreszeit beachten!)
c) leicht zu bestimmende Arten
d) leicht herzustellende Kräuterzubereitungen

3. Schritt Vorbereitung eines Unterrichtsganges:
a) Erkunden, wo die ausgewählten Pflanzen in der näheren Umgebung wachsen
b) Aufstellen von Kriterien, nach denen Heilpflanzen gesammelt werden dürfen:
   - Pflanze muss eindeutig identifiziert werden können
   - Pflanze = Lebewesen: Nicht wahlloses Ausreißen und Abreißen
   - Berücksichtigung des Naturschutzes
   - Örtliche Gegebenheiten untersuchen: Schmutz, Abgase ...
   - Gesammeltes Gut muss entsprechend behandelt werden:
      Plastiktüten zum Transport mitnehmen, Schäufelchen und Fotoapparat

4. Schritt Unterrichtsgang (evtl. in Gruppen)
a) grobe Bestimmung des Standortes der Heilpflanze, z.B. Schuttplatz, Acker, Garten usw.
b) Fotografieren desselben
c) gezieltes Sammeln einzelner Heilpflanzen und evtl. vorkommender verwandter Arten

5. Schritt Auswertung des Unterrichtsganges:
a) Informationsaustausch: Woran erkennt man die Heilpflanze und wie kann man sie von anderen verwandten Arten unterscheiden?
b) Anleitung zum Herbarisieren durch den Lehrer:Pflanzen pressen, Trocknen = Konservierungsmethode
c) Wunsch, die gewonnen Kenntnisse anderen zu vermitteln, führt zum Vorschlag einer Heilpflanzenausstellung
(4. und 5. Schritt sollten möglichst an einem Tag durchgeführt werden)

6. Schritt Überlegungen zur Ausstellungswand:
Was soll gezeigt werden?
a) Heilpflanze = aufgeklebtes Herbarblatt
b) Standort = Fotographie
c) verwandte Arten, mit denen man die Heilpflanze verwechseln könnte (evtl. auch herbarisiert oder als Fotokopie aus einem Bestimmungsbuch)
d) Mögliche Anwendungen der Heilpflanze = Zusammenfassung von Schritt 1

7. Schritt Erarbeitung der Ausstellungswand in Gruppen
(s. Vorschlag hierzu am Beispiel der Echten Kamille)

8. Schritt Vorbereitungen der notwendigen Voraussetzungen zur Herstellung verschiedener Kräuterzubereitungen:
a) Auswahl der Rezepte (schnell und einfach herzustellen und möglichst ohne Alkohol)
b) Auflistung der benötigten Geräte
c) Gemeinsames, durch den Lehrer kontrolliertes Sammeln der benötigten Heilkräuter

9. Schritt Herstellen der Kräuterzubereitungen in Gruppenarbeit, evtl. unter Mithilfe von Eltern - Entsprechende Arbeitsblätter (s. Arbeitsblatt: Kamillenöl und Spitzwegerichsirup) können vorgegeben werden.

10. Schritt Aufbau des Standes und der Ausstellungswand für das Sommerfest
(Der Erlös aus dem Verkauf der Pröbchen kann zu einem gemeinsamen Ausflug beitragen.)

Wenn für einen derartigen projektorientierten Unterricht entsprechende Voraussetzungen nicht gegeben sind, können auch einzelne Schritte der Unterrichtsplanung isoliert bearbeitet werden:

  • Vorbereitung und Durchführung eines Unterrichtsganges unter dem Gesichtspunkt: Wo finden wir Heilpflanzen?
  • Die exemplarische Darstellung einer Heilpflanze (vgl. Im Blickpunkt 3, 1987, Schroedel)
  • Sammeln von Informationen über Heilpflanzenanwendungen in der Familie und Umgebung. Auch bei diesen Unterrichtsstunden sollte die Selbsttätigkeit der Schüler im Vordergrund stehen.


Literatur:

ESCHENHAGEN, D., U. KATTMANN, D. RODI: Fachdidaktik Biologie, Köln 1985.
KILLERMANN, W.: Biologieunterricht heute. Eine Didaktik für Grundschule und Sekundarstufe 1, Donauwörth 19784
KIRCHNER, W.: Beobachten. In: G. SCHOLZ (Hrsg.): Instrumentelle Lernziele im naturwissenschaftlichen Sachunterricht der Grundschule, Bochum 1978.
KREMER, B.P.: Ätherische Öle aus Umbelliferen und Labiaten, Unterricht Biologie 81, 7. Jahrg. 1983.
KUROWSKI, E.: Ausgewählte Brennpunkte im "erziehenden Sachunterricht". In: E. KUROWSKI, M. SOOSTMEYER: Kommentar zum Lehrplan Sachunterricht, Heinsberg 1986.
LAMMERT, K.: Antibiotikum aus einer Blütenpflanze: Knoblauch, Unterricht Biologie 81, 7. Jahrg. 1983. LANGHEINRICH, C.: Unterricht Biologie, Zur Didaktik und Methodik für die Grund- und Hauptschule, München 1979.
LÜFTNER, W.: Handelndes Lernen im Sachunterricht, Frankfurt a.M., Berlin, München 1983.
LÜTKE, H.: Lehrbogen III: das Sammeln biologischer Objekte. In: D. ESCHENHAGEN (Hrsg.), Biologie in der Grundschule, Wolfenbüttel 1978.
POMMERENING, R.: Untersuchen. In: G. SCHOLZ (Hrsg.): Instrumentelle Lernziele im naturwissenschaftlichen Sachunterricht der Grundschule, Bochum 1978.
SOOSTMEYER, M.: Grundlagen des Lehrplanes für den Sachunterricht in der Grundschule in Nordrhein-Westfalen, Teil 1, Sachunterricht und Mathematik in der Primarstufe, 12, 13. Jahrg. 1985.
STALLER, B.: Heilkräuter und Küchenkräuter, Praxis der Naturwissenschaften - Biologie 2, 35. Jahrg. 1986.
WEBER, E.: Quellentextvergleich aus verschiedenen Epochen am Beispiel des Dills, Unterricht Biologie 81, 7. Jahrg. 1983.
Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen: Sachunterricht. Der Kultusminister des Landes NRW (Hrsg.), Köln 1985.
Im Blickpunkt 3. Schuljahr Sachunterricht für Nordrhein-Westfalen, Schroedel Schulbuchverlag GmbH, Hannover 1987.
Heilkräuterrezepte aus: BOCKSCH, M., J. BOTT: Gesunde Wildkräuterküche: Bewährte Rezepte mit Kräutern und Früchten, München, Wien, Zürich 1984.

Für die Beratung in schulischen Fragen danke ich Herrn Rektor Dr. Rolf Pommerening.

Anschrift der Verfasserin:
AR Dr. Barbara Klauß
Universität zu Köln
Institut für Biologie und ihre Didaktik
Humanbiologie
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln

Arbeitsblatt Kamille

Arbeitsblatt Kamillenöl

Arbeitsblatt Spitzwegerichsirup